Um 08:45 Uhr haben wir pünktlich unser Apartment verlassen, ausgerüstet mit unseren Regenjacken, die wir für den letzten Wanderurlaub gekauft hatten. Bei leichtem Nieselregen machten wir uns auf den Weg zu unserem ersten Highlight: das erste Mal Bahn fahren in der großen Stadt.

In der Bahnstation angekommen hieß es gleich: Sicherheitskontrolle! Anders als in Deutschland wird hier jede Tasche durchleuchtet und man selbst geht durch einen Scanner, ähnlich wie am Flughafen. Auf dem Hinweg kamen wir noch ohne Stichprobe davon, auf dem Rückweg musste ich dann aber meine Tasche öffnen und sogar mein Wasser wurde separat überprüft.

Danach ging’s ans Ticket kaufen. Wir beobachteten die anderen, wie sie locker mit dem Handy durch die Schranke gingen, offenbar hat hier jeder ein digitales Ticket. Wir standen zunächst etwas ratlos vor dem Automaten, aber nach ein paar neugierigen Tippversuchen fanden wir endlich die Sprachoption „English“.
Wir fuhren mit der Linie 10 und mussten einmal auf die Linie 1 umsteigen. In unserem Eifer buchten wir aber erst die eine Strecke und dann die nächste separat, was bedeutete: doppelte Sicherheitskontrolle und doppelte Tickets. Erst auf der Rückfahrt entdeckten wir, dass man Start- und Zielstation direkt eingeben kann – spart Zeit, Geld und Nerven. Wieder was gelernt!
Ein weiterer Unterschied zum deutschen Bahnsystem: Die Bahnsteige sind mit Glastüren gesichert, die erst öffnen, wenn der Zug eintrifft.
An unserer Zielhaltestelle angekommen, wurden wir gleich von einer Menschenmenge empfangen. Der Verkehr wurde von der Polizei mit Megafonen und temporären Absperrungen geregelt. Es herrschte ein geordnetes Chaos. Die meisten liefen zur Verbotenen Stadt, aber unser Ziel war heute der Temple of Heaven (Tempel des Himmels).
Vielleicht hatte ich bei der Planung die falsche Haltestelle ausgewählt oder ich laufe einfach gerne, jedenfalls wurde es ein 30-minütiger Spaziergang durch die Nachbarschaft, bevor wir ankamen. Zu meiner Verteidigung: Eigentlich hatte ich anfangs eine andere Sehenswürdigkeit als erstes geplant, da hätte die Station perfekt gepasst. Nur habe ich wohl vergessen, das nach meiner Umplanung nochmal zu prüfen. Upsi.
Auf unserem Weg kamen wir noch am Historischen Archiv vorbei, das gerade seinen 100. Jahrestag feierte. Außerdem entdeckte Nico eine künstlerisch gestaltete Landschaft. Diese schöne Dekoration und das kleine Kunstwerk am Wegesrand wären uns aus der Bahn heraus bestimmt entgangen.


Am Eingang angekommen, mussten wir erneut eine Kontrolle passieren. Die Tickets, die namentlich personalisiert und mit der Passnummer versehen waren, wurden gescannt. Im Innenhof erwartete uns eine prächtige Kulisse aus blühenden Blumen und prachtvollen Bäumen.



Der Tempel des Himmels
Die Anlage ist eines der beeindruckendsten Bauwerke Pekings und gehört seit 1998 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Sie wurde im 15. Jahrhundert während der Ming-Dynastie von Kaiser Yongle erbaut.
Das Gelände ist riesig: etwa 2,7 Millionen Quadratmeter groß, umgeben von alten Kiefern und weitläufigen Gärten. Früher war es ein Ort, an dem die Kaiser für gute Ernten beteten und Opferzeremonien abhielten. Die gesamte Anlage ist ein Symbol für das Gleichgewicht zwischen Himmel und Erde, ein zentraler Leitsatz der chinesischen Philosophie.
Besonders beeindruckend ist der Weg durch die Anlage selbst: eine breite, wunderschön geschmückte Allee, gesäumt von alten Bäumen und Blumen. Bereits am Ende dieser Allee erkennt man die Spitze der Halle des Gebets für gute Ernten, die majestätisch über die Gärten hinausragt.



Die Halle des Gebets für gute Ernten (Hall of Prayer for Good Harvests) ist ein kreisförmiges, prachtvoll verziertes Gebäude, das komplett ohne Nägel gebaut wurde und auf einer dreistufigen weißen Marmorplattform steht. Diese Plattform symbolisiert die Verbindung zwischen den drei Ebenen des Himmels und markiert das Zentrum ritueller Zeremonien.



Daneben befindet sich der Circular Mound Altar, erbaut im Jahr 1530. Hier findet jede Wintersonnenwende die traditionelle „Himmelsgottesdienstzeremonie“ statt. Die Stufen, das Pflaster, die Anzahl der Geländer, die Tischgröße und die Stockwerke des Altars sind nach der multiplen Theorie der „Anzahl der Tage“ von eins, drei, fünf und sieben gestaltet und drehen sich in einem Kreis, ein Symbol für den traditionellen „Weg des Himmels“.
Die Mitte des Altars gilt als „Nabel der Welt“ – der Punkt, an dem Himmel und Erde verbunden sind. Wenn der Kaiser hier stand, galt er als dem Himmel am nächsten – der Ort, an dem er direkt mit dem Himmel kommunizieren konnte. An genau diesem Punkt wurden die Opfergaben für gutes Wetter und reiche Ernten dargebracht. Der zentrale Stein wird „Heavenly Center Stone“ genannt. Steht man darauf und spricht oder klatscht, hallen die Schallwellen so, dass es klingt, als käme die Stimme direkt von oben zurück. Die kreisförmige Anordnung der Steinplatten und die glatte Oberfläche konzentrieren den Schall perfekt. Heute stehen Touristen hier Schlange, um Fotos zu machen oder die besondere Akustik selbst zu erleben.
Ein weiteres bedeutendes Gebäude ist die Imperial Vault of Heaven, die ebenfalls zur Temple of Heaven-Anlage gehört. Das turmrunde Gebäude erhielt seine heutige Form im Jahr 1752. Architektonisch spiegelt die runde Form des Daches die Himmelskugel wider, ähnlich wie bei der Halle des Erntegebets. Diese wird wochentags für die Verehrung des Himmels genutzt und diente zugleich als Lager und Vorbereitungsort für die Zeremonien: Hier wurden die Ritualgegenstände und Opfergaben aufbewahrt, bevor sie zum Circular Mound Altar gebracht wurden.


Direkt vor der Imperial Vault of Heaven ist die Echo Wall, eine runde Mauer, an der sich Schallwellen so stark übertragen, dass man flüsternd von einer Seite zur anderen sprechen kann.

Während wir durch das Gelände spazierten, war es erstaunlich ruhig. Wir ließen uns Zeit, bewunderten die leuchtend blauen Dächer, die filigranen Holzschnitzereien und die kunstvollen Verzierungen in Gold und Rot. Alles wirkt hier rund und harmonisch – kein Zufall, denn rund steht im alten China für den Himmel, quadratisch für die Erde.
Ein süßer Abschluss nach einem nassen Abenteuer
Nach unserem Besuch machten wir uns auf den Weg zur Wangfujing Street, einer der bekanntesten Einkaufs- und Foodstraßen Pekings. Wir entschieden uns für Nudeln mit Sauerkraut und dazu einen eiskalten Iced Tea – nach dem vielen Laufen einfach perfekt.



Kurz darauf zog ein kräftiger Regenschauer auf. Trotz unserer Regenjacken waren wir nach wenigen Minuten völlig durchnässt. Also beschlossen wir, den Tag etwas früher zu beenden und mit der Bahn zurückzufahren.
Mit 17.666 Schritten auf der Uhr kamen wir gegen 14 Uhr wieder in unser Apartment an. Wir machten es uns gemütlich: ein Brownie vom Vortag, dazu Kaffee und ein Schokomuffin von Starbucks, gleich um die Ecke.
Regnerisch, spannend und voller Eindrücke – unser erster Ausflug in Peking weckt Vorfreude auf mehr.