Vor einem Jahr hätte ich nicht gedacht, dass wir einmal hier Silvester verbringen dürfen.
Es fühlt sich deshalb auch ganz anders an. Nicht nur, weil wir es in Peking verbringen, sondern weil der Weg hierher keine leichte Entscheidung war. Wir haben Familie, Freunde, unsere Tiere und ein vertrautes Zuhause zurückgelassen. Kurz nach unserer kirchlichen Hochzeit, einem der emotionalsten Momente unseres Lebens, haben wir uns bewusst für diesen Schritt entschieden. Für ein gemeinsames Abenteuer und eine Chance, aber auch für viele Abschiede.
Gerade an Tagen wie Silvester oder in der Weihnachtszeit spürt man diese Entfernung besonders. Momente, die sonst laut und gemeinschaftlich sind, werden leiser. Sie erinnern daran, dass dieses Jahr nicht nur aus neuen Orten und Erlebnissen bestand, sondern vor allem aus Mut, Vertrauen und dem bewussten Loslassen.
Der letzte Tag des Jahres 2024 begann für mich ganz vertraut. Am Morgen war ich im Stall und verbrachte viel Zeit mit Cohiba. Wir machten einen Spaziergang, waren grasen und genossen diese Stunden ganz zusammen. Es war ein Moment, in dem ich mich bewusst dafür entschied, keinen Plan zu verfolgen, nichts zu fordern, sondern einfach da zu sein. Diese ruhige Zweisamkeit hat mir noch einmal gezeigt, wie wichtig mir solche Augenblicke sind: Zeit ohne Erwartungen, ohne Tempo, nur im Miteinander.
Zurück zu Hause starteten Nico und ich den Tag mit einem gemeinsamen Frühstück. Ohne Eile, einfach zusammensitzen, reden und den Moment genießen.
Am Abend fuhren wir nach Stuttgart zu Freunden. Zu sechst verbrachten wir den Jahreswechsel gemeinsam, aßen Raclette, zu dem jeder etwas mitgebracht hatte, lachten viel und genossen dieses Zusammensein. Kurz vor Mitternacht machten wir uns auf den Weg zum Killesberg, um dort das Feuerwerk anzuschauen. Wir umarmten uns, wünschten uns ein frohes neues Jahr und sagten einander, was wir aneinander schätzen. Ein sehr herzlicher, ehrlicher Moment, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist.
Danach feierten wir noch weiter. Einige von uns bis in die frühen Morgenstunden, andere etwas kürzer. Es war kein lauter Abschied vom alten Jahr, sondern ein warmer, vertrauter Übergang.
Schon zu Beginn des neuen Jahres lag diese leise Ahnung in der Luft, dass 2025 ein besonderes Jahr werden würde. Die Idee, nach China zu gehen, stand bereits im Raum, noch ohne feste Zusage, eher als Gedanke, der immer wieder zwischen uns auftauchte. Gleichzeitig steckten wir mitten in den Vorbereitungen für unsere kirchliche Hochzeit. So vieles lief parallel: Vorfreude, Organisation, Hoffnung und auch Unsicherheit. Unser Urlaub in den Niederlanden war eigentlich als kleine Auszeit gedacht, als Zeit für Familie, für meine Eltern, für unsere Hunde und um kurz durchzuatmen.






Und genau in diese Zeit fiel dann die Zusage von Nicos Arbeitgeber. Ein Moment, der alles veränderte. Mit dieser Zusage wuchs die To-do-Liste plötzlich enorm. Während wir eigentlich mitten in der Hochzeitsplanung steckten, mussten wir uns zusätzlich mit der Ausreise, Visa, Verträge und all den organisatorischen Dingen beschäftigen, die dieser Schritt mit sich brachte. Gleichzeitig arbeiteten wir beide weiterhin Vollzeit, 41 Stunden pro Woche. Besonders für mich war diese Phase emotional herausfordernd. Lange war unklar, ob ich für diese Zeit beurlaubt werden würde oder ob ich kündigen muss. Viele Rückmeldungen waren eher negativ, die aktuelle Arbeitsmarktlage ließ wenig Hoffnung. Trotzdem wollten wir es versuchen. Denn für uns war klar: Dieser Schritt funktioniert nur gemeinsam. Also reichten wir den Antrag ein, mit einem persönlichen Anschreiben. Darin versuchten wir, das in Worte zu fassen, was uns beide bewegt hat:
„Die Entscheidung, meinen Ehemann bei diesem Schritt zu unterstützen, ist für mich von hoher Bedeutung, da wir als Familie zusammenbleiben möchten. Eine jahrelange Fernbeziehung würde für uns eine enorme emotionale Belastung bedeuten.“
Gleichzeitig machten wir deutlich, dass diese Entscheidung bewusst und zeitlich begrenzt ist und ich nach der Beurlaubung wieder zurückkehren möchte.
Danach begann eine Zeit des Wartens. Wochen, in denen Hoffnung und Zweifel sich immer wieder abwechselten. Wochen, in denen wir überlegten, welche Wege es geben könnte, was wir im Zweifel tun würden und welche Optionen uns bleiben. Wir spielten Szenarien durch, versuchten vorbereitet zu sein und gleichzeitig die Hoffnung nicht zu verlieren.
Dann kam der Tag, der mir bis heute Gänsehaut bereitet. Am Tag von Nicos Junggesellenabschied, nach drei Monaten Warten, Hoffen und Bangen, kam die Zusage: Ich werde beurlaubt. Mein Job ist nach den drei Jahren sicher, ich bleibe Beamtin. Ein riesiger Stein fiel mir vom Herzen. Plötzlich wurde aus einer Idee ein echter, greifbarer Lebensabschnitt.
Unsere Hochzeit war dann der Höhepunkt des Jahres. Ein Tag, an dem wir so deutlich gespürt haben, was für wunderbare Menschen wir um uns haben. Familie, Freunde, so viel Liebe und Unterstützung. Gleichzeitig war da aber auch die leise Traurigkeit, weil wir wussten: Genau diese Menschen lassen wir bald zurück. 9.000 Kilometer Entfernung, für drei Jahre.



Und statt erst einmal anzukommen oder innezuhalten, ging es direkt weiter. Organisation bestimmte unseren Alltag: Ummelden, Post umstellen, Abos kündigen, Abschiede auf der Arbeit, im Stall, überall dort, wo unser Leben bis dahin stattgefunden hatte. Eine klassische Hochzeitsreise kam für uns in dieser Phase nicht in Frage, dafür war einfach zu viel zu regeln. Stattdessen haben wir bewusst entschieden, diese drei Jahre als unsere Reise zu sehen. Als gemeinsame Zeit, in der wir all das erleben möchten, wofür sonst vielleicht nie Raum gewesen wäre.
Dadurch hatte ich die Möglichkeit nach der kirchlichen Hochzeit noch beim BOSS Open zu Kellnern. Besonders eine Nacht ist mir davon bis heute im Gedächtnis geblieben: die Après-Ski-Nacht. Ein Ausnahmezustand – so viele Menschen auf engstem Raum, eine Stimmung, die kaum zu beschreiben ist und kaum ein Durchkommen mit Gedränge. Und trotzdem war genau dieser Abend ein Moment, in dem ich gespürt habe, wie viel Kraft in mir steckt und wie viel ich in diesem Jahr bereits getragen hatte.
Im August erfüllte sich dann für mich ein ganz besonderer Herzenswunsch: unser After-Wedding-Shooting mit den Pferden. Ein Kindheitstraum, den mir der Besitzer der Pferde erfüllt hat. Ein Moment voller Dankbarkeit und zugleich ein stiller Abschied, der noch einmal gezeigt hat, wie tief diese Verbindung geht.


Zu meinem Leben gehörte mittlerweile außerdem auch das Weindorf in Stuttgart, das in diesem Jahr bereits zum dritten Mal ein Bestandteil meines Spätsommers war. Es ist ein kompletter Gegensatz zu meinem Alltag im Finanzamt, aber genau deshalb so wertvoll für mich. Der Kontakt mit den Menschen, das hohe Tempo, die Gespräche hinter der Theke, all das war für mich ein Ausgleich, den ich sehr gebraucht habe und den ich mir ganz bewusst noch einmal genommen habe.
Ähnlich ging es uns mit der Hengstbacher Kerb. Sie ist für uns mehr als nur ein Fest – sie steht für Tradition, Herzblut und Gemeinschaft. In diesem Jahr fühlten sich diese Tage besonders intensiv an, weil wir wussten, dass auch hier bald Abschiede bevorstehen würden. So kam es dann auch sonntags zu einer emotionalen Kerberede die uns in Teilen gewidmet war.



Auch unsere Wohnung stellte uns noch einmal vor große Entscheidungen. Wir lieben sie, sowohl die Lage, als auch das Gefühl von Zuhause. Kündigen und riskieren, nach drei Jahren nichts Vergleichbares mehr zu finden? Leer stehen lassen? Das kam für uns nicht in Frage, auch aus Fairness gegenüber all den Menschen, die dringend Wohnraum suchen. Also stellten wir die Wohnung auf einer Plattform ein. Zunächst passierte nichts. Keine ernsthaften Anfragen, nur Enttäuschung und Unverständnis.
Erst nachdem wir sie auf einer anderen Plattform anboten, ging plötzlich alles ganz schnell. Mit nur noch vier Wochen bis zum Abflug organisierten wir Besichtigungen, trafen Entscheidungen und versuchten, den Überblick zu behalten. Am Ende entschieden wir uns bewusst für jemanden, der ein ähnliches Schicksal hatte, wie wir selbst ein paar Jahre zuvor: Berufsbedingt neu in der Stadt, dringend auf der Suche nach einer Wohnung.
Das er die Wohnung nicht möbliert übernehmen konnte, bedeutete für uns den nächsten Kraftakt. Es folgte eine intensive Zeit aus Möbel verkaufen, umlagern, packen und aussortieren. Von wirklich unschönen, teils bedrohlichen Nachrichten über eBay bis hin zu einem Polizeikontakt, haben wir in diesen Tagen wirklich alles erlebt. Die Belastung war enorm, körperlich wie emotional. Inmitten all der Anspannung passierte dann auch noch eines dieser typischen Stress-Missgeschicke, die wohl jeder kennt und plötzlich fand ich mich zwei Tage vor dem Abflug noch in der Notaufnahme wieder. Zum Glück blieb es bei einem offenen Bluterguss am Zeh und es war nichts gebrochen.
Alles fühlte sich plötzlich noch knapper an. Der Sperrmüll wurde erst am Morgen unseres Abflugtages abgeholt, die Wohnungsübergabe fand ebenfalls an diesem letzten Tag statt. Als schließlich meine Eltern da waren, wir unsere sieben Koffer ins Auto geladen hatten und die Wohnung abgeschlossen war, fiel eine riesige Last von uns ab. Es war geschafft – irgendwie, gerade noch rechtzeitig.
Und dann stand dieser Moment am Flughafen an, der ohnehin schon emotional ist. Das viele unserer Freunde und Familie da waren, um uns zu verabschieden machte es noch herzergreifender. Ein letztes Mal Umarmen, Tränen, Lächeln und wehmütiges Winken, als wir durch die Sicherheitskontrolle gingen. Es war unglaublich emotional und gleichzeitig stärkend. Kurz darauf erreichte uns ein Video von unseren Liebsten. Ein so berührendes Video, das wir immer wieder ansehen mit einem Lachenden und weinenden Auge.
Was folgte, war ein Jahr, das alles auf den Kopf stellte. Wohnungssuche in China in zwei Tagen, neue Kolleg:innen, neue Freundschaften, eine fremde Kultur, Reisen, plötzlich nicht mehr arbeiten. Weihnachten fern von zu Hause, Silvester in einer Stadt, die dieses Fest an diesem Tag nicht feiert.
Denn das chinesische Neujahr richtet sich nicht nach dem Kalender, sondern nach dem Mond: Es beginnt mit dem zweiten Neumond nach der Wintersonnenwende und fällt dadurch meist in den Zeitraum zwischen Ende Januar und Mitte Februar. Erst dann startet hier offiziell ein neues Jahr.
Wir verbrachten Neujahr damit, unsere Koffer zu packen, aßen einen Raclette Auflauf, tranken etwas Sekt und blickten auf alles zurück, was wir geschafft haben. Umso mehr freuen wir uns auf das was noch kommt. Denn wir haben das Glück, das Jahr bereits mit einer Reise starten zu dürfen. Am 01.01 ging es für uns nach Thailand, dort haben wir zwei Freunde für 4 Tage in Bangkok getroffen. Jetzt sind wir zu zweit weiter gereist nach Hua Hin, um dort die Kraftreserven und -akkus zu laden.



Wir setzen uns für 2026 keine klassischen Vorsätze. Stattdessen möchten wir weiterhin mit Neugier durch dieses Abenteuer gehen, für das wir uns bewusst entschieden haben. Die Balance zwischen Ankommen und Weiterziehen finden, zwischen Alltag und Reisen, zwischen Sicherheit und Wachstum.