


Der digitale Leseautomat in Peking
Lesen ist für mich seit ein paar Jahren wieder ein richtiges Hobby geworden. Besonders vor dem Schlafengehen oder im Urlaub liebe ich es, beim Umblättern eines Buches diesen besonderen Moment zu genießen. In Deutschland war es für mich immer einfach an Bücher zu gelangen, sei es über die nächste Bibliothek oder die Buchhandlung um die Ecke.
Doch hier in Peking gestaltet sich das ein wenig anders, besonders wenn man Bücher auf Deutsch oder Englisch lesen möchte.
In Deutschland kennt man Leseautomaten meist als kleine Regale oder Tauschstationen: Bücher hinlegen, Bücher mitnehmen, fertig. Sie funktionieren nach dem Prinzip „bring eins, nimm eins“ und leben von der Eigenverantwortung der Leser. Praktisch für kurze Pausen oder um alte Klassiker loszuwerden, aber das echte Bücherei-Erlebnis bleibt dabei außen vor. Seltene oder besonders interessante Bücher findet man nur selten, die Organisation ist locker und eine offizielle Kontrolle, wer welches Buch ausgeliehen hat, gibt es nicht. Außerdem werden diese Automaten manchmal beschädigt oder verwahrlosen.
Hier in Peking ist der digitale Leseautomat anders. Er wird von einer Bibliothek organisiert und verbindet Technik, Bibliothekswesen und Stadtlogistik auf clevere Weise. Auf den ersten Blick sieht er aus wie ein normaler Automat, ein Kasten voller Bücher. Doch dahinter steckt ein ausgeklügeltes System, das ein komplettes Büchereierlebnis außerhalb der Bibliotheksmauern ermöglicht.
Es gibt drei Abonnent-Modelle des Automaten: eines für Erwachsene, eines für Kinder und eines für Menschen mit Beeinträchtigungen. Jedes Modell ist auf die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten, sowohl in der Buchauswahl als auch in der Bedienung. Für Kinder gibt es etwa eine speziell kuratierte Auswahl an Bilder- und Kinderbüchern, während die Automaten für Erwachsene chinesische Titel, Hörbücher und auch ausländische Bücher anbieten. Das Modell für Menschen mit Beeinträchtigungen ist barrierefrei gestaltet, sodass jeder Zugang zu Literatur hat, egal welche Einschränkungen bestehen.
Die Ausleihe läuft komplett über eine digitale Lesekarte und QR-Codes am Automaten. Der Leser scannt einfach den Code, meldet sich an und der Automat öffnet sich. Danach kann man das gewünschte Buch herausnehmen. Kein Anstehen, kein Blättern durch Regale und doch ein richtiges Bibliotheksgefühl.
Man kann bis zu 40 Bücher in den 28 Tage ausleihen, darunter chinesische Bücher, Hörbücher und ausländische Titel (letztere sind auf drei pro Ausleihperiode begrenzt). Die digitale Lesekarte sorgt dafür, dass die Bibliothek immer genau weiß, wer welches Buch hat.
Wird ein Buch nicht zurückgebracht, wird die Karte vorübergehend gesperrt. Ebenso bei beschädigten Büchern, dann wird die Bibliothek informiert und man regelt das wie gewohnt vor Ort.
Dieses System schafft Transparenz, Fairness und eine reibungslose Organisation. Zudem sind darin die neusten und angesagten Bücher erhältlich und nicht nur die aussortiert eines anderen.
Ein Vorteil ist das man nicht mehr extra zur Bibliothek fahren muss, sondern kann an verschiedenen Automaten in der ganzen Stadt Bücher ausleihen. Besonders praktisch, wenn man wenig Zeit hat oder unterwegs spontan ein Buch mitnehmen möchte. Gleichzeitig spart es den Bibliotheksmitarbeitern Arbeit: weniger Ausleihe über den Schalter, weniger Verwaltungsaufwand und trotzdem bleibt alles organisiert und nachvollziehbar.
Für mich persönlich ist das natürlich nichts, da ich chinesische Bücher oder Hörbücher noch nicht verstehen kann. In China ist die Auswahl ausländischer Bücher auch in Bibliotheken stark begrenzt, oft gibt es nur wenige Exemplare und Bestseller auf Deutsch oder Englisch sind selten.
Bücherwurm bleiben als Expat
Aktuell habe ich ein paar Strategien entwickelt, um trotzdem an deutschsprachige Bücher zu kommen. Einige Bücher hatte ich selbst aus Deutschland mitgebracht, die habe ich inzwischen alle gelesen. Danach bin ich auf eine WeChat-Gruppe für Expats gestoßen, in der Bücher untereinander verkauft oder getauscht werden. Man bekommt Zugang zu Titeln, die sonst schwer zu bekommen wären und gleichzeitig können andere Leser etwas davon profitieren, dass ich meine Bücher weitergebe.
Ich bin auch noch der klassische „Buch-in-der-Hand“-Typ: Ich mag es, Bücher zu besitzen, die ich gelesen habe und zu sehen, was ich schon geschafft habe. Digitales Lesen kommt für mich nur begrenzt infrage. Deshalb ist diese WeChat-Gruppe aktuell eine gute Lösung.
Außerdem leihe ich Bücher von Freundinnen aus, die einen ähnlichen Lesegeschmack haben. Zum Beispiel habe ich mir ein Buch über die Generation der Kriegskinder ausgeliehen, welches Nico schon in Vietnam gelesen hat und ich werde es demnächst in Malaysia lesen.
Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, über die Bibliothek der Deutschen Schule in Peking einen Ausweis zu beantragen und darüber Bücher auszuleihen. Das werde ich auf jeden Fall noch machen.
Als letzte Möglichkeit kann man auch, über die Deutsche Schule Bücher in Deutschland bestellen, allerdings dauert das lange und ist teuer. Deshalb werde ich wahrscheinlich diese Option nicht nutzen.
Meine pragmatische Lösung neben den bereits bestehenden: Ich plane bei meiner nächsten Deutschlandreise einen Besuch bei Thalia, um gezielt Bücher einzukaufen.
Fazit
Lesen war noch nie so flexibel und gleichzeitig so gut organisiert. Der digitale Leseautomat in Peking zeigt, wie Technik, Literatur und Stadtleben harmonisch zusammenpassen. Für Leser, die Chinesisch verstehen, bietet er schnellen Zugang zu einer breiten Auswahl an Büchern, Hörbüchern und ausländischen Titeln. Für Expats wie mich ist er noch nichts, aber zum Glück ist der Zusammenhalt in der Community so gut.
Mein Fundstück des Monats ist ein kleines Stück Alltagsmagie, das zeigt, dass moderne Technologie Bibliothekskultur nicht ersetzt, sondern sinnvoll ergänzt. Vielleicht könnte dieses Konzept in Zukunft auch Deutschland inspirieren und Bücher zugänglich, flexibel und gleichzeitig gut organisiert zu machen.