Abfall – Tetris in Peking

Unser Fundstück des Monats entstand an einem ganz alltäglichen Abend. Nico und ich waren auf dem Weg zum Restaurant, als wir erneut an einer Szene vorbeikamen, die uns inzwischen immer wieder auffällt: Ein LKW, bis oben hin beladen mit gepresstem Müll, Plastiksäcke, Karton und Verpackungen. All das wird ordentlich gestapelt und fest verschnürt.
Auf den ersten Blick wirkt das Bild fast absurd. Der LKW ist so voll beladen, dass man sich unweigerlich fragt, wie er überhaupt noch fahren kann. Was zunächst chaotisch aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Teil eines erstaunlich gut organisierten Systems der Müllentsorgung in einer Megacity wie Peking.
Seit 2020 gilt in Peking eine verpflichtende Mülltrennung. Haushalte müssen ihren Abfall in verschiedene Kategorien trennen, nach Küchenabfall, Recycling, gefährliche Abfälle und Restmüll. Die farblich gekennzeichneten Tonnen stehen in der Nähe der Wohnhäuser oder an festen Sammelpunkten.
Im Gegensatz zu vielen deutschen Städten werden diese Tonnen jedoch nicht direkt von großen Müllfahrzeugen abgeholt, sondern von kleinen Dreirad- oder Trike-Fahrzeugen eingesammelt. Der Grund dafür liegt vor allem in der Struktur der Stadt: Peking ist extrem dicht bebaut, viele Wohnanlagen bestehen aus engen Zufahrten, Innenhöfen und schmalen Seitenstraßen. Große Müllfahrzeuge könnten diese Bereiche oft gar nicht erreichen. Hinzu kommt der dichte Verkehr, würden klassische Müllwagen jede einzelne Tonne direkt anfahren, würde das System schnell an seine Grenzen stoßen.
Genau deshalb kommen hier die kleinen dreirädrigen Transportfahrzeuge ins Spiel, die man tagsüber überall in der Stadt sieht. Diese Trikes sind wendig, flexibel und passen selbst durch enge Gassen oder Wohnkomplexe. Sie sammeln die Mülltonnen oder deren Inhalt direkt vor Ort ein und transportieren den Abfall zu lokalen Sammelstellen. Diese Dreiräder sind eine entscheidende Zwischeninstanz im System. Sie entlasten die Straßen, reduzieren Verkehrsstaus und ermöglichen es, Müll auch dort abzuholen, wo große Fahrzeuge nicht hinkommen.


An den Sammelstellen wird der Müll gebündelt, teilweise noch einmal vorsortiert und in großen Säcken oder gepressten Ballen vorbereitet. Dabei entstand das Bild, das wir an diesem Abend gesehen haben: große Mengen Abfall, sauber gestapelt und gesichert.
Von diesen Sammelstellen aus übernehmen dann größere Fahrzeuge, wie der LKW auf dem Foto, den Abfall. Der Müll wird von Mitarbeitern (ungesichert) gestapelt und mit Spanngurten befestigt. Dann transportieren sie diesen zu zentralen Entsorgungs- oder Transferstationen bringen. Dort wird der Abfall in spezialisierten Anlagen weiterverarbeitet oder sortiert, bevor er recycelt, verbrannt oder anderweitig behandelt wird. Diese größeren Fahrzeuge fahren nicht quer durch die Innenstadt, weil der Verkehr zu dicht und die Straßen zu eng dafür wären. Sie sammeln dort, wo es organisatorisch sinnvoll ist und zu Zeiten an denen der Verkehr gering ist (Abends/Nachts).


Wie viel Müll entsteht eigentlich?
Die Menge an Müll, die allein in Peking täglich anfällt, ist beeindruckend groß: Durchschnittlich werden rund 20.000 bis 26.000 Tonnen Haushaltsabfall pro Tag gesammelt, das entspricht etwa 1,2 Kilogramm pro Person täglich. Messungen aus Wohngebieten zeigen, dass der reine Haushaltsmüll pro Person sogar nur bei rund 0,2 kg täglich liegt, während andere städtische Quellen (Restaurants, Gewerbe etc.) die Gesamtmenge deutlich erhöhen.
Zum Vergleich: In Deutschland produziert die Bevölkerung pro Kopf etwa 520 Kilogramm Siedlungsabfall pro Jahr also etwa 1,4 kg pro Tag, was im globalen Vergleich ähnlich hoch ist.
Diese Zahlen zeigen, wie stark eine Großstadt wie Peking mit ihren Ressourcenwirtschaftssystemen arbeiten muss, um überhaupt die tägliche Müllmenge bewältigen zu können.
Wenn wir also diese Müllfahrzeuge sehen, dann zeigt das einen Teil einer riesigen, still funktionierenden Struktur: vom einfachen Dreirad vor der Haustür über die Sammelstellen in der Nachbarschaft bis zu den großen LKWs, die am Rand der Stadt ihr Bündel abliefern oder weiterfahren. Müll ist nicht einfach nur „Abfall“, sondern ein sichtbarer Teil des Lebens in einer Megacity und er zeigt, wie viel Infrastruktur nötig ist, damit so ein System funktioniert.
Das Fundstück zeigt, wie das Leben hier organisiert ist, welche Herausforderungen eine Stadt dieser Größe stemmen muss und wie viel logistische Leistung hinter scheinbar einfachen Dingen steckt.