Manche Orte in Peking beeindrucken einen allein durch ihre Größe, andere durch ihre Geschichte. Der Sommerpalast schafft beides gleichzeitig. Zwischen glitzernden Seen, geschwungenen Brücken, versteckten Pavillons und den bunt bemalten Wandelgängen fühlt man sich dort schnell wie in einer anderen Zeit.
Für uns war dieser Tag aber nicht nur ein Ausflug zu einer der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Chinas, sondern gleichzeitig auch ein besonderer gemeinsamer Tag mit Freunden. Den Besuch im Sommerpalast hatten wir Laura zum Geburtstag geschenkt, gemeinsam mit einer deutschsprachigen Führung. Gleichzeitig war es aber auch ein bisschen ein Abschiedstag, denn Laura wird Peking bald verlassen und wieder zurück nach Deutschland ziehen. Umso schöner war es, dass wir noch einmal gemeinsam als kleine Gruppe unterwegs sein konnten.
Schon früh am Morgen machten wir uns gemeinsam auf den Weg in den Nordwesten Pekings. Der Neue Sommerpalast liegt etwa 15 Kilometer außerhalb des Stadtzentrums und nur wenige hundert Meter westlich der Ruinen des Alten Sommerpalastes. Die Anlage erstreckt sich über rund 297 Hektar Fläche, wovon ungefähr drei Viertel allein vom Wasser des Kunming-Sees bedeckt werden. Seit 1998 gehört die Anlage außerdem zum UNESCO-Weltkulturerbe und gilt bis heute als eines der bedeutendsten Beispiele traditioneller chinesischer Gartenkunst.



Unsere Guide begrüßte uns direkt am Ost-Eingang. Sie hat Germanistik an der Universität studiert und spricht wirklich beeindruckend gutes Deutsch. Dadurch war die Führung nicht nur informativ, sondern auch angenehm locker und verständlich. Besonders spannend fand ich, dass sie nicht einfach nur Daten und Fakten heruntergebetet hat, sondern auch viele Geschichten aus dem Alltag des Kaiserhofes erzählte. Gerade diese kleinen Details machen Geschichte und Orte irgendwie lebendig.
Der Sommerpalast heißt auf Chinesisch übrigens gar nicht einfach „Sommerpalast“. Sein eigentlicher Name lautet Yiheyuan und bedeutet übersetzt etwa „Garten der Erholung und Harmonie“ oder auch „Garten des friedvollen Bewahrens“. Ursprünglich wurde die Anlage bereits im 12. Jahrhundert angelegt. Kaiser Qianlong ließ den Palast schließlich zwischen 1751 und 1764 als Geschenk zum 60. Geburtstag seiner Mutter ausbauen. Dafür wurde damals die enorme Summe von 4,8 Millionen Silber-Tael investiert.
Besonders bekannt wurde der Sommerpalast jedoch durch Kaiserinwitwe Cixi aus der Qing-Dynastie. Interessant war dabei vor allem, dass der Sommerpalast eigentlich gar nicht die Hauptresidenz des Kaisers war. Vielmehr entwickelte sich die Anlage zunehmend zum Wohnort von Kaiserinwitwe Cixi, also der Mutter des Kaisers.
Die Geschichte des Sommerpalastes verlief allerdings keineswegs friedlich. Wie auch der Alte Sommerpalast wurde die Anlage während des Zweiten Opiumkrieges 1860 von anglo-französischen Truppen zerstört und geplündert. Anders als der Alte Sommerpalast wurde der Neue Sommerpalast jedoch später auf Initiative von Kaiserinwitwe Cixi zwischen 1885 und 1895 wieder aufgebaut.
Ursprünglich war die Anlage gar nicht vollständig ummauert. Lange Zeit existierte hauptsächlich nur das Osttor als repräsentativer Zugang zum Gelände. Doch die Kaisermutter war beim Volk nicht sonderlich beliebt und fühlte sich zunehmend unsicher. Aus diesem Grund ließ sie zusätzlich Wachtürme und Mauern errichten, um die Anlage besser zu schützen und gleichzeitig Kontrolle über das Gelände zu behalten. Dadurch entstanden weitere Eingänge, sodass der Sommerpalast heute über drei Zugänge verfügt und deutlich stärker abgegrenzt ist als in seiner ursprünglichen Form.



Während wir durch die Anlage liefen, wurde schnell klar, wie sehr hier Architektur und Natur miteinander verbunden wurden. Genau dieses Zusammenspiel gilt als eines der wichtigsten Prinzipien chinesischer Gartenkunst. Der Mensch soll die Natur nicht dominieren, sondern sich harmonisch in sie einfügen.
Unser erster größerer Halt war der ehemalige Gerichts- und Verwaltungsbereich des Palastes. Dort befanden sich früher die Hallen, in denen politische Entscheidungen getroffen wurden und wo Cixi Gäste empfing.




Nicht weit entfernt befand sich die Halle der Jadewellen, die früher als Wohnbereich des Kaisers Guangxu diente. Besonders bedrückend war die Geschichte dahinter: Nach der gescheiterten Hundert-Tage-Reform von 1898 wurde Guangxu dort von Cixi praktisch unter Hausarrest gestellt.
Danach liefen wir weiter zur Halle der Freude und Langlebigkeit. Diese wurde ursprünglich bereits 1750 unter Kaiser Qianlong erbaut, später jedoch zerstört und 1886 erneut aufgebaut. Sie diente anschließend als Privatgemach von Kaiserinwitwe Cixi.
Immer wieder blieben wir aber auch einfach stehen, um die vielen kleinen Details zu betrachten. Überall entdeckte man kunstvolle Zimmer, geschnitzte Fensterrahmen oder alte Holzbetten.



Danach liefen wir weiter Richtung Kunming-See. Der riesige See bildet das Herzstück des Sommerpalastes und prägt die gesamte Anlage. Überall spiegelten sich die Weiden im Wasser und durch den leichten Wind bewegten sich die langen grünen Äste fast wie Vorhänge über dem See.
Vom Stadtzentrum in Peking kann man mit dem Boot direkt in den Sommerpalast fahren, durch alte Kanäle bis in den Kunming-See hinein. Genau diese Route entlang der kaiserlichen Wasserstraße nutzte einst Cixi, um der stickigen Verbotenen Stadt zu entkommen. Die Bootsfahrt vom Zizhuyuan Park zum Sommerpalast dauert ca. 40 Minuten und ist mittlerweile eine beliebte Touristen Attraktion.
Doch was viele nicht wissen: Der Kunming-See ist komplett künstlich. Kaiser Qianlong ließ ihn 1750 ausheben und der Aushub wanderte gleich nebenan auf den Langlebigkeitshügel. Der Name „Kunming“ ist eine Hommage an den Kunming-See in der alten Hauptstadt Chang’an (dem heutigen Xi’an).
Die Kaiserinwitwe Cixi reiste nicht gerne, weshalb sie stattdessen viele Elemente aus verschiedenen Städten Chinas in den Sommerpalast einbauen. Pavillons, Brücken und Gartendesigns aus unterschiedlichen Regionen fanden sich hier zusammen, als wäre das ganze Reich in einem Garten versammelt.






Von dort aus ging es für uns weiter entlang des Sees zur berühmten Siebzehn-Bogen-Brücke. Sie verbindet das Festland mit der Insel Nanhu und wurde bereits 1750 erbaut. Unsere Guide erklärte uns, dass die Brücke bewusst an die berühmte Marco-Polo-Brücke in Peking erinnern soll, die für ihre vielen Bögen und Steinfiguren bekannt ist. Auch die Siebzehn-Bogen-Brücke wirkt durch ihre geschwungene Form besonders elegant und spiegelt sich wunderschön im Wasser des Kunming-Sees.
Die Zahl 17 wurde dabei nicht zufällig gewählt: In der chinesischen Architektur gelten ungerade Zahlen oft als harmonisch und symbolisch bedeutungsvoll. Der mittlere, höchste Bogen bildet gemeinsam mit den jeweils acht kleineren Bögen auf beiden Seiten eine perfekt symmetrische Anlage. Besonders auffällig sind außerdem die vielen kunstvoll gestalteten Steinlöwen entlang der Brücke, von denen keiner exakt dem anderen gleicht.

Ein weiteres Highlight war der berühmte Wandelgang. Mit seinen 728 Metern gilt er als längster bemalter Korridor Chinas. Viele davon zeigen Landschaften, historische Szenen oder Figuren aus alten chinesischen Geschichten.
Der Gang besteht aus 273 verbundenen Säulenpaaren und mehreren Pavillons. Über 8000 Gemälde schmücken die Balken des Wandelgangs.
Eine der Darstellungen zeigte beispielsweise eine Szene aus „Die Reise nach Westen“, einem der bekanntesten Werke der chinesischen Literatur. Der Roman aus dem 16. Jahrhundert erzählt die abenteuerliche Reise des Mönchs Xuanzang nach Indien, wo er buddhistische Schriften beschaffen soll. Begleitet wird er dabei von mehreren mystischen Figuren, darunter auch der berühmte Affenkönig Sun Wukong, der bis heute zu den bekanntesten Figuren der chinesischen Kultur zählt. Unsere Guide erklärte uns, dass diese Bilder früher nicht nur der Dekoration dienten, sondern gleichzeitig Geschichten, Werte und kulturelles Wissen vermitteln sollten.



Zwischendurch machten wir immer wieder kleine Pausen und genossen einfach die Atmosphäre. Mal saßen wir am Wasser, mal liefen wir durch kleine Gartenanlagen mit blühenden Bäumen und verwinkelten Wegen.
Besonders beeindruckend war, wie sich immer wieder neue Perspektiven öffneten. Mal blickte man durch Fenster auf einen Pavillon, mal auf kleine Inseln mitten im Wasser.




Natürlich durfte auch das berühmte Marmorboot nicht fehlen, das wir nun endlich auch selbst vor uns sahen. Unsere Guide erklärte uns dazu nochmal die spannende Geschichte hinter dem Bauwerk. Das dekorative Boot aus Stein wurde Ende des 19. Jahrhunderts unter Kaiserinwitwe Cixi fertiggestellt und erinnert bis heute daran, dass für den Wiederaufbau des Sommerpalastes teilweise Gelder verwendet wurden, die ursprünglich für die Modernisierung der chinesischen Marine vorgesehen waren.
Zwar kann das Boot natürlich nicht fahren und diente rein repräsentativen Zwecken, trotzdem gehört es heute zu den bekanntesten Fotomotiven der gesamten Anlage.

Im Laufe des Tages stiegen die Temperaturen immer weiter an und wir waren froh über die vielen schattigen Wege unter den Weidenbäumen. Überall in der Anlage saßen Menschen auf Steinen oder kleinen Mauern und genossen einfach das Frühlingswetter.
Unsere Guide zeigte uns noch viele weitere Gebäude, die man sonst wahrscheinlich einfach übersehen hätte. Darunter die Wolkenzerstreuende Halle, den Pavillon des Buddhistischen Wohlgeruchs hoch oben auf dem Berg der Langlebigkeit sowie den Pavillon der Kostbaren Wolken.
Den Aufstieg zum Pavillon des Buddhistischen Wohlgeruchs schafften wir zeitlich leider nicht. Aber selbst von unten ist er schon sehr beeindruckenden anzusehen.



Am Ende der Führung waren wir zwar müde, aber gleichzeitig auch beeindruckt davon, wie viel Geschichte und Symbolik hinter dieser Anlage steckt. Der Sommerpalast ist weit mehr als nur ein schöner Park. Er erzählt von Macht, Politik, Familienstrukturen und dem Leben am chinesischen Kaiserhof und schafft es gleichzeitig, eine unglaubliche Ruhe auszustrahlen.
Langsam liefen wir Richtung Ausgang und verließen den Sommerpalast schließlich über eine der eleganten Steinbrücken, die sich perfekt in die Gartenlandschaft einfügen. Besonders diese Brücke blieb mir nochmal im Kopf, weil sie mit ihrem geschwungenen Rundbogen und der Spiegelung im Wasser fast wie aus einem Gemälde wirkte. Solche Brücken sind typisch für die chinesische Gartenkunst. Sie sollten nicht nur Wege verbinden, sondern gleichzeitig bewusst schöne Blickachsen schaffen und die Landschaft harmonisch ergänzen.
Und während wir ein letztes Mal zwischen Wasser, alten Bäumen und den geschwungenen Steinbrücken entlangliefen, wurde uns allen bewusst, warum dieser Ort seit Jahrhunderten als Rückzugsort der Kaiser galt. Manche Orte schaffen es einfach, selbst mitten in einer Millionenstadt Ruhe auszustrahlen.


Für uns war es aber nicht nur ein touristischer Ausflug, sondern vor allem ein gemeinsamer Tag voller Gespräche, Eindrücke und Erinnerungen. Gerade mit dem Gedanken daran, dass Laura bald Peking verlassen wird, hatte dieser Tag nochmal eine ganz besondere Bedeutung.