Einmal Heimat und zurück

Die ersten Tage meiner Deutschlandzeit verbrachte ich ganz entspannt bei meiner Familie. Ich genoss die Heimat, verbrachte viel Zeit mit den Hunden und ließ die ersten Tage einfach ein bisschen auf mich zukommen. Am Mittwoch ging es dann für mich weiter nach Stuttgart. Denn dort wartete ein fester Termin auf mich, der mich inzwischen schon seit einigen Jahren jeden August begleitet und auf den ich mich jedes Mal aufs Neue freue.

Zurück am Weindorf

Während meiner Zeit in Deutschland durfte natürlich auch ein fester Teil meiner jährlichen Stuttgart-Routine nicht fehlen: das Stuttgarter Weindorf. Rund um den Schlossplatz, Schillerplatz und die angrenzenden Gassen verwandelt sich die Stuttgarter Innenstadt jedes Jahr in ein großes Weinfest mit zahlreichen Weinlauben, regionalen Weinen und schwäbischen Spezialitäten. Für mich war es dieses Jahr bereits das vierte Mal, dass ich dort gearbeitet habe.

Angefangen hat das Ganze eigentlich eher spontan. Als ich vor einigen Jahren einmal mit dem Gedanken gespielt hatte, auf dem Cannstatter Wasen zu kellnern, bin ich bei meiner Suche im Internet auf eine Ausschreibung für das Weindorf gestoßen. Ich habe mich beworben und bin seitdem irgendwie hängen geblieben. Denn obwohl mein eigentlicher Beruf normalerweise hauptsächlich aus Büroarbeit besteht, liebe ich genau diesen Kontrast: den ganzen Tag auf den Beinen zu sein, körperlich zu arbeiten, ständig neue Menschen kennenzulernen und dabei mittendrin im Geschehen zu sein.

Wie schon in den vergangenen Jahren arbeitete ich wieder in derselben Laube bei „zur Linde“. Dahinter steht die Familie Trautwein, ein Familienbetrieb in mittlerweile vierter Generation. Die beiden Brüder Ferdinand und Maximilian Trautwein haben das Gasthaus Möhringen 2015 übernommen und sind im selben Jahr mit der „Linde“ auch erstmals beim Stuttgarter Weindorf vertreten gewesen. Heute steht der Familienbetrieb vor allem für schwäbische Traditionsküche. Neben dem Gasthaus und der Weindorf-Laube gehören auch das Restaurant Knitz direkt am Marktplatz sowie eine eigene Catering-Manufaktur zum Betrieb.

Für mich ist die Linde inzwischen fast zu einem festen Bestandteil des Weindorfs geworden. Jedes Jahr treffe ich dort auf viele bekannte Gesichter, kenne die Abläufe und freue mich darauf, für ein paar Wochen einmal ganz anders zu arbeiten als sonst.

Dieses Jahr war es das Wetter allerdings ziemlich wechselhaft. Es gab Regentage, an denen deutlich weniger Gäste in die Lauben kamen. An einem Tag erwischte mich der Regen sogar so richtig und ich kam komplett durchnässt nach Hause. Kurz darauf zeigte sich dafür wieder die andere Seite des Sommers und über dem Weindorf spannte sich ein wunderschöner Regenbogen. An anderen Tagen kletterten die Temperaturen dagegen auf über 30 Grad. Dann wurde es selbst unseren Gästen in der Laube teilweise ziemlich warm und unsere kleinen Werbefächer waren deshalb plötzlich Gold wert.

An einem besonders regnerischen Tag hatte ich sogar spontan etwas früher Feierabend. Die Gelegenheit nutzte ich, um noch Zeit mit einer Freundin zu verbringen und anschließend einfach einmal früh ins Bett zu gehen. Eigentlich hätte ich 16 Tage am Stück gearbeitet, aber einmal bekam ich spontan einen zusätzlichen freien Tag. Den nutzte ich natürlich ebenfalls direkt für einen Besuch bei den Pferden und anschließend für ein Essen mit Freunden aus Stuttgart.

Auch an meinen Spätschicht-Tagen versuchte ich, die Zeit davor gut zu nutzen. Wenn meine Schicht erst um 15 Uhr begann, ging es vorher entweder zu den Pferden oder ich traf mich mit Freunden zum Brunchen. So blieb trotz der langen Arbeitstage noch etwas Zeit für die Dinge, wegen denen ich natürlich auch gerne wieder in Stuttgart war.

Besonders schön war es, einige bekannte Gesichter aus den vergangenen Weindörfern wiederzutreffen. Das gemeinsame Arbeiten macht Spaß, aber mindestens genauso schön sind inzwischen die Stunden danach. Wenn wir irgendwann zwischen 0 und 2 Uhr nachts Feierabend hatten, wurde noch gemeinsam ein Feierabendwein getrunken, geredet und manchmal sogar noch ein Vesperbrett für alle auf den Tisch gestellt. Genau diese Abende gehören für mich mittlerweile genauso zum Weindorf wie die Arbeit selbst.

Eine ziemlich verrückte Begegnung gab es dieses Jahr außerdem: Eine Freundin, die ich in Peking kennengelernt habe, arbeitete auf meinen Tipp hin ebenfalls bei uns in der Laube. Sie dann plötzlich am anderen Ende der Welt – beziehungsweise für mich gerade wieder am anderen Ende meines Lebens – auf dem Weindorf zu treffen, war schon irgendwie surreal.

Und natürlich kam auch das Essen nicht zu kurz. Wenn ich bereits ab 11 Uhr arbeitete, hatte ich zwischen 15 und 17 Uhr meine Mittagspause und damit regelmäßig Gelegenheit, mich durch die schwäbische Küche zu probieren. Auf dem Teller landeten unter anderem Zwiebelrostbraten, Maultaschen, Linsen mit Spätzle und Schweinefiletmedaillons. Und auch bei den Desserts fiel die Auswahl nicht gerade leicht: Ofenschlupfer oder doch „Schwarzwälder mal anders“? Nach mehreren Stunden auf den Beinen war das jedenfalls eine ziemlich gute Motivation für die nächste Schicht.

Auch die Gäste waren wie jedes Jahr sehr abwechslungsreich. Neben dem ein oder anderen bekannten Fußballspieler, Politikern oder Gästen großer Unternehmen saßen bei uns genauso Seniorenpaare, Jugendliche, Familien mit kleinen Kindern und viele neue Gesichter. Manchmal kamen sogar Vierbeiner mit in die Laube. Gerade diese Mischung macht die Arbeit für mich so besonders. Es entstehen viele unterschiedliche Gespräche und Begegnungen, die das Weindorf für mich jedes Jahr aufs Neue so besonders machen.

Damit ging mein viertes und vielleicht sogar letztes Jahr auf dem Weindorf zu Ende. Aber wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Vielleicht gibt es ja doch noch ein fünftes Mal.

Wieder im Sattel

Ein fester Bestandteil meiner Zeit in Deutschland waren natürlich auch wieder die Pferde. Eines meiner Pferde war allerdings verletzt, weshalb diesmal keine großen Ausritte auf dem Programm standen. Stattdessen hieß es vor allem: putzen, kuscheln, ein bisschen Liebe schenken und gemütliche Spaziergänge im Schritt. Auch wenn das vielleicht weniger spektakulär klingt, habe ich genau diese Zeit sehr genossen. Nach so vielen Monaten in Peking einfach wieder im Stall zu stehen und Zeit mit den Pferden zu verbringen, hat mir richtig gutgetan.

Bei den anderen Pferden durfte es dann aber auch wieder etwas mehr sein. Gemeinsam mit Freunden ging es zum Ausreiten und ich konnte auch wieder Dressur auf dem Platz reiten. Wieder im Sattel zu sitzen, war einfach ein so schönes Gefühl. Gerade weil ich in Peking nicht die Möglichkeit habe, regelmäßig zu reiten, habe ich diese Momente besonders genossen.

Ein gemeinsamer Tag

Auch mit Jessie verbrachte ich einen schönen Tag. Zuerst ging es gemeinsam zu den Pferden, bevor wir an den Aliwisensee gingen. Eigentlich hatten wir überlegt, dort auch schwimmen zu gehen, allerdings war das aufgrund eines möglichen erhöhten Fischsterbens an diesem Tag nicht empfohlen. Also machten wir es uns stattdessen am Ufer gemütlich und verbrachten einfach Zeit mit Erzählen und Aussicht genießen.

Danach ging es noch weiter nach Metzingen ins Outlet zum Shoppen. Wirklich fündig wurden wir dort allerdings nicht, außer bei Lebkuchen und Spekulatius. Damit bin ich für die Vorweihnachtszeit in Peking aber immerhin schon bestens ausgestattet. 😄 Ein bisschen Heimat im Koffer kann schließlich nicht schaden.

Am Abend gingen wir noch etwas essen was wir bereits zusammen oft in unserem Berlin Urlaub gegessen hatten. Es ging zu der Foodkette „Schnitzery“, dort gibt es verschiedene Bowls mit Schnitzel. Wir entschieden uns wie immer für den Klassiker mit mac and chees (Käsenudeln), Krautsalat und einer Sauce. Völlig satt und glücklich verbrachten wir die letzten Stunde mit erzählen auf dem Sofa, bevor es für Mirco am nächsten Morgen zurück nach Zweibrücken ging.

Kerb in der Heimat

Zum Abschluss meiner Zeit in Deutschland durfte natürlich auch die Hengstbacher Kerb nicht fehlen. Am Samstag war zunächst noch nicht ganz so viel los und auch der Alleinunterhalter war nicht unbedingt die größte Stimmungskanone. Davon ließen wir uns aber nicht die Laune verderben und machten uns mit vielen Freunden einfach selbst einen schönen Abend. Wir haben getanzt, erzählt und ab Mitternacht schließlich unsere eigene Spotify-Playlist über eine Musikbox laufen lassen. Damit wurde die Stimmung dann doch noch deutlich ausgelassener und wir hatten einen richtig schönen Abend zusammen.

Am Sonntag ging es schon morgens mit dem Frühschoppen weiter. Danach stand eine kleine Aufgabe an, die sich leider nicht ganz so unkompliziert gestaltete wie geplant: Wir holten unseren Baum und wollten ihn anschließend aufhängen. Ganz reibungslos lief das Ganze allerdings nicht, am Ende hing er dann aber doch dort, wo er hingehörte.

Anschließend wurde pünktlich um 15 Uhr die Kerberede gehalten. Es wurden verschiedene Themen vom Dorf und Umland des letzten Jahres aufgegriffen. Danach spielten wir verschiedenen Spielen, zwischendurch wurde viel erzählt und natürlich durfte auch das Essen nicht fehlen. Es gab verschiedene leckere Bratenvariationen – genau das richtige Kerb-Essen für einen Sonntag. So ließen wir den letzten Abend in der Heimat noch einmal gemeinsam und ganz entspannt ausklingen.

Heute geht es noch einmal zum Frühschoppen und gemeinsamen Frühstück (für mich allerdings nur zum Frühstücken), bevor es anschließend zusammen mit einem Teil meiner Familie zum Flughafen geht.

Dann heißt es wieder Abschied nehmen und zurück in meine andere Welt, mein anderes Zuhause: Peking. Vier Wochen Deutschland sind unglaublich schnell vergangen. Ich habe die Zeit mit Familie, Freunden, Pferden, Hunde und natürlich auf die Zeit auf dem Weindorf sehr genossen und freue mich jetzt trotzdem wieder darauf, Nico in die Arme zu schließen und unseren gemeinsamen Alltag in Peking fortzusetzen.

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