Farben, Motive und ihre Eigenschaften

Die vergangenen Tage waren von zwei größeren Erlebnissen geprägt, die uns ganz unterschiedliche Seiten Pekings und seiner Umgebung gezeigt haben. Am Dienstag war ich in den historischen Gassen der Stadt unterwegs und habe dabei spannende Einblicke in die Geschichte und das Leben dort bekommen. Am Samstag zog es Nico und mich dann gemeinsam hinaus in die Natur, wo wir uns auf die Suche nach den berühmten herbstlichen Farben machten.

Hutongs im Wandel

Zum Auftakt der Woche stand für mich endlich wieder ein Ausflug mit unserer Patengruppe an. Diesmal ging es um ein Stück des alten Pekings, das ich zwar bereits auf eigene Faust erkundet hatte, dessen Geschichte ich aber nun noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive kennenlernen durfte: die Dongsi-Hutongs.

Begleitet wurden wir von einer Einheimischen, die selbst einige Jahre in Deutschland gelebt und anschließend rund 20 Jahre an der Deutschen Schule Peking gearbeitet hat. Inzwischen ist sie im Ruhestand und hat sich eine schöne Aufgabe gesucht: Sie möchte anderen die chinesische Kultur näherbringen und ihnen Orte zeigen, die im normalen Touristenprogramm oft gar nicht vorkommen. Mit viel Hintergrundwissen und persönlichen Geschichten nahm sie uns mit durch das Viertel.

Doch zunächst einmal: Was genau ist eigentlich ein Hutong? Der Begriff stammt aus dem Mongolischen und wird häufig mit „Brunnen“ übersetzt. Früher siedelten sich Menschen gerne in der Nähe von Wasserquellen herum an, sodass sich rund um die Brunnen ganze Wohnviertel entwickelten. Heute bezeichnet man damit die schmalen Gassen, die von traditionellen Wohnhöfen, den sogenannten Siheyuan, gesäumt werden. Sie prägen bis heute das Bild des alten Pekings.

Für unseren Ausflug ging es allerdings nicht in die bekannten, oft stark besuchten Gassen wie beispielsweise Nanluoguxiang, sondern in das eher ruhige und weniger touristische Viertel Dongsi. Der Name geht auf die sogenannten Dongsi-Pailou zurück: vier kunstvoll gestaltete Torbögen, die früher an einer östlichen Kreuzung standen. Das Viertel selbst entstand auf dem historischen Straßenraster der Yuan-Dynastie und ist damit über 700 Jahre alt. Während der Ming- und Qing-Dynastie entwickelte es sich zu einem angesehenen Wohngebiet. In den umliegenden Höfen lebten einst Beamte, Gelehrte, wohlhabende Kaufleute und andere einflussreiche Persönlichkeiten.

Die Kreuzung heute leider ohne einen einzigen Torbogen

Das Besondere an Dongsi ist, dass es bis heute kein reines Museumsviertel ist. Viele der alten Höfe sind weiterhin bewohnt und in den Gassen spielt sich noch immer ganz normales Nachbarschaftsleben ab. Genau das unterscheidet die Gegend von manchen bekannteren Hutong-Vierteln, die inzwischen stark auf den Tourismus ausgerichtet sind. Hier begegnet man nicht nur historischen Gebäuden, sondern auch den Menschen, die in diesem Viertel leben.

Zu Beginn unseres Rundgangs bekamen wir anhand einer Darstellung auf dem Boden zunächst einen Überblick über die zehn nummerierten Dongsi-Gassen. So konnten wir gut erkennen, wie die einzelnen Straßen angeordnet sind und wie das Viertel aufgebaut ist.

Unser Rundgang führte uns zunächst in einen Bereich, der in den vergangenen Jahren umfassend renoviert und 2025 fertiggestellt wurde. Hier zeigt sich, wie sehr sich auch die traditionellen Viertel Pekings verändern. Alte Gebäude wurden saniert, Wege neu gestaltet und moderne Geschäfte, Cafés und kulturelle Einrichtungen integriert.

Ein besonderer Ort in diesem Bereich ist der Longfu-Platz. Dort befand sich früher der Longfu-Tempel, der 1452 während der Ming-Dynastie errichtet wurde. Er entwickelte sich zu einer bedeutenden Tempelanlage. Besonders bekannt war der dazugehörige Tempelmarkt, der regelmäßig zahlreiche Händler und Besucher anzog und zu den wichtigen Märkten des alten Pekings zählte.

Allerdings blieb die Anlage nicht von Katastrophen verschont. Im Jahr 1901 zerstörte ein verheerender Brand große Teile des Tempels. Auch nach späteren Veränderungen wurde das Gelände erneut schwer getroffen: 1993 brannte ein dort errichteter neunstöckiger Turm ab. Die Geschichte des Areals ist damit ein gutes Beispiel dafür, wie sich das Stadtbild über die Jahrhunderte verändert hat und wie viel von der ursprünglichen Bausubstanz verloren gegangen ist.

Anschließend ging es weiter entlang der Gassen. Vorbei an einem Theater- beziehungsweise Kinogebäude, einem tibetischen Café und verschiedenen modernen Geschäften und kleinen Cafés bekamen wir einen Eindruck davon, wie sich das traditionelle Wohnviertel und das heutige Stadtleben miteinander verbinden.

Besonders spannend wurde es, als wir dann in die erste, zweite und dritte Dongsi-Gasse abbogen. Hier konnten wir noch einmal einen Eindruck davon gewinnen, wie schmal die ursprünglichen Hutong-Gassen tatsächlich sind. Die traditionellen Häuser stehen dicht an dicht, und hinter den unscheinbaren Fassaden verbergen sich häufig aufwendig gestaltete Innenhöfe.

Unsere Begleiterin erklärte uns, worauf man bei den traditionellen Hauseingängen achten sollte. Denn gerade die Verzierungen an Türen, Toren und Fassaden sind keineswegs nur Dekoration. Viele Motive haben eine symbolische Bedeutung und sollten den Bewohnern Glück, Wohlstand, Gesundheit oder ein langes Leben bringen.

So stehen beispielsweise Flaschenkürbisse, auf Chinesisch Hulu, symbolisch für Glück und Segen. Auch Kirschblüten und andere Pflanzenmotive haben eine Bedeutung: Sie können gute Nachrichten und positive Entwicklungen ankündigen. Kraniche und Hirsche stehen in der traditionellen Symbolik häufig für ein langes Leben und Glück, während bestimmte Baumdarstellungen ebenfalls mit Langlebigkeit verbunden werden.

Besonders kunstvoll waren die Schnitzereien an einem der traditionellen Hauseingänge. Dort entdeckten wir unter anderem Blumenmotive und einen Phönix, die für Wohlstand und Glück stehen. Auch Vasen waren zu sehen. Das ist kein zufälliges Dekorationselement: Das chinesische Wort für Vase, „Ping“, klingt genauso wie das Wort für Frieden beziehungsweise Sicherheit. Solche sprachlichen Ähnlichkeiten werden in der chinesischen Kunst gerne genutzt, um positive Wünsche auszudrücken.

Hier sind die verschiedenen Symbole schön zu erkennen

Es war faszinierend zu erfahren, wie viel Bedeutung in den scheinbar kleinen Details steckt. Ohne die Erklärungen wären mir viele dieser Symbole vermutlich gar nicht aufgefallen. Gerade die Hauseingänge erzählen damit auch etwas über die Wünsche und Vorstellungen der Familien, die einst hinter diesen Türen lebten.

Ein weiteres Highlight erwartete uns in der vierten Gasse. Dort trafen wir auf einen älteren Herrn, der inzwischen eine kleine Internet-Berühmtheit geworden ist. Der Grund dafür ist eigentlich ganz einfach: Er sitzt jeden Tag vor seinem ganz besonderen Haus und ist dadurch über die sozialen Medien bekannt geworden.

Wir durften sogar einen Blick in sein Hutong-Haus werfen. Es handelt sich um ein noch weitgehend traditionell erhaltenes Wohnhaus, dessen alte Deckenverzierungen besonders gut erhalten geblieben sind. Gerade solche Einblicke machten diesen Rundgang durch die Hutongs so interessant, denn man sieht nicht nur historische Fassaden von außen, sondern bekommt manchmal auch einen Eindruck davon, wie die Menschen hinter diesen Türen leben.

Die Dongsi-Hutongs zeigen sehr schön, wie schwierig es ist, Tradition und Modernisierung miteinander zu verbinden. Einerseits werden historische Gebäude restauriert und Gassen aufgewertet, andererseits verändern sich dadurch natürlich auch die ursprünglichen Wohnstrukturen. Nicht jede Ecke ist heute noch so ursprünglich, wie man es sich vielleicht vorstellt. Die Hutongs sind eben nicht nur ein Stück Stadtgeschichte, sondern auch ein Teil des heutigen Pekinger Lebens.

Zum Abschluss unseres Rundgangs kehrten wir noch gemeinsam in ein Restaurant ein, in dem wir verschiedene chinesische Gerichte probierten. Ein schöner Abschluss für einen Vormittag, an dem wir nicht nur viel gesehen, sondern vor allem einiges über die Geschichte und Kultur der Stadt gelernt hatten.

Ich möchte auf jeden Fall noch einmal wiederkommen, um die weiteren Gassen zu erkunden. Aber auch das Shijia-Hutong-Museum will ich mir unbedingt ansehen. Es befindet sich in einem restaurierten traditionellen Innenhof und widmet sich dem Leben in den Pekinger Hutongs. Neben alten Fotografien, Möbeln und Alltagsgegenständen gibt es dort auch eine Ausstellung mit typischen Geräuschen aus dem früheren Hutong-Leben. Zu hören sind beispielsweise die Rufe der Straßenverkäufer, Vogelstimmen und andere Geräusche, die früher zum täglichen Leben in den Gassen gehörten. So wird nicht nur gezeigt, wie die Menschen damals gewohnt haben, sondern auch, wie sich das Viertelleben angehört hat.

Leider war das Museum an unserem Besuchstag geschlossen. Das steht aber definitiv noch auf meiner Liste für einen nächsten Ausflug.

Wanderung in Pofengling

Am Samstag machten Nico und ich uns endlich wieder auf den Weg, um gemeinsam wandern zu gehen. Unser Ziel war Pofengling im Südwesten Pekings. Wir wollten die berühmten Red Leaves sehen, für die die Gegend besonders bekannt ist. Die beste Zeit dafür liegt normalerweise zwischen Mitte Oktober und Mitte November, wenn sich die Blätter der Bäume in kräftige Rot- und Orangetöne verwandeln.

Pofengling liegt im Stadtbezirk Fangshan, etwa 52 Kilometer vom Stadtzentrum Pekings entfernt. Das Gebiet ist vor allem für seine Rauchbäume bekannt, die zusammen mit Ahornbäumen und weiteren Baumarten im Herbst für ein beeindruckendes Farbenspiel sorgen. Mehr als 100.000 Pflanzen mit roter Herbstfärbung sollen hier wachsen. Die bewaldeten Berghänge leuchten dann in verschiedenen Rot-, Orange- und Gelbtönen. Pofengling wird deshalb gerne mit dem bekannten Fragrant Hill verglichen, ist aber etwas weniger touristisch und bietet eine schöne Möglichkeit, dem Trubel der Stadt für ein paar Stunden zu entkommen.

Wir entschieden uns dafür bis ganz nach oben zum höchsten Punkt zu wandern. Vom Eingang aus führte uns der Weg zunächst bergauf zu den sogenannten Cloud Stone Houses, die man auch als Wolken-Stein-Häuser bezeichnen könnte. Dabei handelt es sich um kleine steinerne Hofanlagen, die mitten am Berghang liegen und von den Rauchbäumen umgeben sind. Die zehn kleinen Häuser beziehungsweise Höfe sind aus den Steinen der umliegenden Berglandschaft gebaut und fügen sich dadurch ziemlich harmonisch in die Natur ein.

Von dort ging es weiter in Richtung Adlerkopffelsen, dem höchsten Punkt unserer Wanderung. Oben angekommen, wird man mit einem weiten Panoramablick über die umliegenden Berge und Täler belohnt. Bei guter Sicht kann man die bewaldeten Hänge und die verschiedenen Bergzüge der Umgebung überblicken. Für uns war das ein schöner Zwischenstopp, um kurz durchzuatmen, die Aussicht zu genießen und etwas zu frühstücken, bevor es auf der Route weiterging.

Anschließend führte uns der Weg zum Yunhu-See, der auch als Wolkensee bezeichnet wird. Er liegt ungefähr auf halber Höhe des Berges und bildet einen schönen Kontrast zu den steinigen Wanderwegen und den bewaldeten Hängen. Das Wasser kann bei ruhigem Wetter die umliegenden Berge und Bäume spiegeln. Direkt am See gibt es kleine Grünflächen und Möglichkeiten, eine Pause einzulegen. Außerdem befindet sich dort ein kleines Café, sodass man die Wanderung theoretisch auch mit einem Kaffee und etwas Aussicht verbinden kann.

Von dort aus machten wir uns schließlich auf den Rückweg. Wir entschieden uns, die Gondel zu nehmen, um die Herbstlandschaft auch einmal von oben genauer betrachten zu können. Das hat sich definitiv gelohnt, es war für uns der schönste Blick des Tages. Von oben sahen die goldenen und roten Baumkronen zwischen den Hügeln noch einmal ganz anders aus und die ruhige Fahrt bot einen schönen Abschluss.

Es waren zwei ganz unterschiedliche Erlebnisse, die uns beide noch lange in Erinnerung bleiben werden. Während ich in den Hutongs viel über die Geschichte und das Leben vor Ort erfahren haben, konnten wir die Woche in Pofengling mit viel Natur abschließen und beim Wandern etwas den Kopf frei bekommen.